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Wie der Takt aus der Steckdose die Backofenuhr steuert




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Am Backofen steht 18:24 Uhr, auf dem Handy daneben schon 18:30 Uhr. So konnte der Blick auf die Küchenuhr Anfang März 2018 ausfallen. Manche Backofenuhren beziehen ihren Takt aus der Steckdose und gingen damals knapp sechs Minuten nach. Der Ofen hatte Strom, die Ziffern leuchteten, und beim nächsten Blick war der Abstand immer noch da.

Betroffen waren auch manche Radiowecker und Heizungsuhren. Wie der europäische Netzbetreiberverband ENTSO-E am 6. März 2018 berichtete, lag die Frequenz im kontinentaleuropäischen Verbundnetz seit Mitte Januar im Schnitt etwas unter ihrem Sollwert. Die Abweichung war so klein, dass sie an einem einzelnen Abend auf der Uhr kaum aufgefallen wäre. Über Wochen summierte sie sich zu einer Zeitspanne, die beim Blick auf zwei Anzeigen schwer zu übersehen war.

Was der Takt aus der Steckdose vorgibt

Die Wechselspannung im Stromnetz durchläuft bei 50 Hertz in jeder Sekunde 50 vollständige Schwingungen. Eine netzgeführte Uhr kann diese Schwingungen als Taktgeber nutzen. Nach 50 Durchläufen zählt sie eine Sekunde weiter, nach 3.000 ist die nächste Minute dran. Die Uhrzeit selbst wird beim Einstellen vorgegeben. Aus dem Netz kommt der gleichmäßige Rhythmus, mit dem die Uhr von dort an weiterzählt.

Wie sich daraus die Netzzeit ergibt, beschreibt der Schweizer Übertragungsnetzbetreiber Swissgrid anhand des Vergleichs mit der koordinierten Weltzeit. Bei einer Frequenz knapp unter 50 Hertz muss die Backofenuhr ein wenig länger auf ihre 50 Schwingungen warten. Bei etwas mehr als 50 Hertz ist sie früher fertig. Kurze Schwankungen können sich über längere Zeit ausgleichen. Bleibt der Durchschnitt aber über viele Tage zu niedrig, dauert jede Minute auf der Anzeige ein wenig länger als eine tatsächliche Minute.

Hinter dem gemeinsamen Takt steckt die laufende Abstimmung von Erzeugung und Verbrauch. Wird dem Netz mehr Leistung entnommen, als gerade eingespeist wird, sinkt die Frequenz zunächst. 2018 führte ENTSO-E die länger anhaltende Abweichung auf ein Leistungsdefizit in der Regelzone zurück, zu der Serbien und Kosovo gehörten.

Anfang März 2018 bezifferte ENTSO-E den Mittelwert seit Beginn der Abweichung auf rund 49,996 Hertz. Bei einem gleichbleibenden Wert dieser Größenordnung verliert eine netzgeführte Uhr pro Tag rechnerisch knapp sieben Sekunden. Das fällt auf einer Anzeige ohne Sekunden kaum auf. Nach einer Woche fehlt fast eine Minute. Weil das kontinentaleuropäische Verbundnetz über Ländergrenzen hinweg im selben Takt arbeitet, konnte sich der Rückstand in weit voneinander entfernten Küchen gleichzeitig aufbauen.

Welchen Takt eine Uhr verwendet, lässt sich an den Ziffern kaum erkennen. Die Echtzeituhr im PC zählt typischerweise die Schwingungen eines eigenen Quarzes und kann dank einer kleinen Batterie selbst bei gezogenem Netzstecker weiterlaufen. Beide Uhren machen aus einem wiederkehrenden Signal Sekunden. Beim Backofen, der sich am Stromnetz orientiert, kommt dieses Signal von außen.

Wie das Stromnetz die Minuten wieder aufholte

Sobald die Frequenz nach Wochen mit einem zu niedrigen Mittelwert wieder bei 50 Hertz liegt, wächst der Rückstand nicht weiter. Aufgeholt ist er damit noch nicht. Für eine Uhr, die bereits sechs Minuten nachgeht, kommen die nächsten Schwingungen jetzt wieder im üblichen Tempo. Der Abstand bleibt, bis jemand die Anzeige von Hand stellt oder die Schwingungen eine Weile etwas schneller eintreffen.

Im März 2018 wählten die Netzbetreiber den zweiten Weg. Wie ENTSO-E am 3. April meldete, speisten sie im Laufe des März zusätzlich Energie ein und hielten die Frequenz im Mittel bei 50,01 Hertz. Die betroffenen Uhren konnten dadurch den Rückstand nach und nach aufholen. Wer seine Uhr zuvor schon von Hand vorgestellt hatte, musste nach dem Ausgleich womöglich ein zweites Mal an die Tasten.

Die Backofenuhr hat mit anderen Anzeigen aus Letzter Tab gemeinsam, dass man ihnen die Arbeit dahinter kaum ansieht. In der Küche sah der Ausgleich unspektakulär aus. Die Ziffern wechselten wie immer, nur verging zwischen zwei angezeigten Minuten eine Spur weniger Zeit. Irgendwann zeigte der Ofen wieder dieselbe Minute wie das Handy. Dazu hatte die Uhr wochenlang einfach weitergezählt.

Recherchestand vom 4. November 2026.

Hauptquellen

Die beschriebene Abweichung betrifft Uhren, die ihren Takt aus der Netzfrequenz ableiten. Die beiden Uhrzeiten im Einstieg veranschaulichen den dokumentierten Rückstand.

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