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Schnittstelle Welt: Was Europas IRIS²-Satellitennetz wirklich leisten soll
Europa möchte bei sicherheitskritischer Satellitenkommunikation weniger von außereuropäischen Anbietern abhängig sein. Mit IRIS² entsteht deshalb ein eigenes Netz für Behörden, Rettungsdienste und wichtige Infrastruktur, das später auch kommerzielle Internetverbindungen ermöglichen soll. Für Verbraucher bleibt allerdings offen, wann daraus ein tatsächlich buchbares Angebot wird.
Stand der Recherche: 24. August 2026
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Die Europäische Kommission und das Industriekonsortium SpaceRISE haben am 7. August 2026 ihre Verhandlungen über Architektur, Finanzierung und Zeitplan von IRIS² abgeschlossen. Das überarbeitete Konzept sieht 348 Satelliten auf unterschiedlichen Umlaufbahnen vor. Erste Einheiten sollen 2029 starten, bevor die verschiedenen Kommunikationsdienste schrittweise aufgebaut werden.
Hinter der Entscheidung steht eine größere Frage als die Versorgung einzelner Funklöcher. Europa benötigt Kommunikationswege, die auch bei beschädigten Mobilfunknetzen, überlasteten Leitungen oder geopolitischen Spannungen verfügbar bleiben und deren sicherheitskritischer Teil unter europäischer Kontrolle steht. Erst auf dieser staatlichen Grundlage sollen private Betreiber zusätzliche Angebote für Unternehmen und Haushalte entwickeln.
Aus der Planung wird ein industrielles Großprojekt
Die im August geschlossene Vereinbarung erweitert IRIS² um 66 zusätzliche Satelliten und bringt die geplante Hauptkonstellation damit auf insgesamt 348 Einheiten. Davon sollen 330 in niedrigen Erdumlaufbahnen und 18 in mittleren Umlaufbahnen arbeiten. Die zusätzlichen Satelliten werden einer höher gelegenen Ebene innerhalb der niedrigen Erdumlaufbahn zugeordnet und sollen vor allem die Kapazitäten für Verteidigung, Sicherheit, Katastrophenschutz und andere staatliche Aufgaben verstärken.
Nach Angaben der EU soll die veränderte Architektur die verfügbare sichere Kommunikationskapazität für staatliche Nutzer innerhalb Europas um 60 Prozent und weltweit um 54 Prozent erhöhen. Diese Zahlen beschreiben die geplante Leistung des künftigen Systems. Sie bedeuten nicht, dass die zusätzliche Bandbreite bereits zur Verfügung steht. Die Satelliten müssen zunächst entwickelt, gebaut, gestartet, getestet und mit einer umfangreichen Infrastruktur am Boden verbunden werden.
Die Einigung legt dafür erstmals einen konkreteren Weg fest. Als nächste Schritte nennt die EU-Agentur für das Weltraumprogramm den detaillierten Entwurf der Konstellation, den Bau der Satelliten, die Beschaffung von Startdiensten und die Errichtung gesicherter Bodenstationen. Aus einem politischen Ziel wird damit eine lange Kette industrieller Aufträge, technischer Prüfungen und öffentlicher Investitionen.
Der Name IRIS² steht für „Infrastructure for Resilience, Interconnectivity and Security by Satellite“. Hinter der etwas sperrigen Bezeichnung verbirgt sich das dritte große Weltraumprogramm der Europäischen Union nach dem Navigationssystem Galileo und dem Erdbeobachtungsprogramm Copernicus. Während Galileo Positions- und Zeitsignale liefert und Copernicus die Erde beobachtet, soll IRIS² eine eigene europäische Kommunikationsinfrastruktur bereitstellen.
Warum IRIS² kein gewöhnlicher Starlink-Konkurrent ist
Der Vergleich mit Starlink liegt nahe, weil beide Systeme Satelliten verwenden, um Daten unabhängig von Glasfaserleitungen und Mobilfunkmasten zu übertragen. Er führt aber schnell zu falschen Erwartungen. Starlink wurde vor allem als kommerzielles Breitbandangebot groß: Privatpersonen und Unternehmen bestellen ein Terminal, schließen ein Abonnement ab und erhalten darüber einen Internetzugang.
IRIS² beginnt dagegen bei einer staatlichen Sicherheitsaufgabe. Die verbindliche Grundlage bildet die EU-Verordnung über das Programm für sichere Konnektivität. Sie sieht besonders geschützte Kommunikationsdienste für autorisierte staatliche Nutzer vor. Dazu gehören Behörden, diplomatische Vertretungen, Zivil- und Katastrophenschutz, Grenzüberwachung, Verteidigung und Betreiber kritischer Infrastruktur. Benötigen diese Stellen in einer Krise zusätzliche Kapazität, können ihre Verbindungen gegenüber kommerziellen Diensten priorisiert werden.
Ein solcher staatlicher Vorrang wäre bei einem gewöhnlichen Internetanbieter ungewöhnlich, bildet bei IRIS² aber den Kern des Systems. Die Europäische Union möchte nicht vollständig davon abhängig sein, dass ein einzelnes außereuropäisches Unternehmen seine Satellitenkapazität, Geschäftsbedingungen und technischen Zugänge dauerhaft zur Verfügung stellt. Souveränität bedeutet dabei nicht, dass eine Behörde jeden Satelliten selbst baut. Entscheidend ist, wer über die sicherheitskritische Infrastruktur, ihre Nutzung und ihre Prioritäten bestimmen kann.
Privatkunden werden dennoch nicht vollständig ausgeschlossen. Die Verordnung sieht neben der staatlichen Infrastruktur eine kommerzielle Ebene vor. Über diese können private Betreiber Breitbandverbindungen, Unternehmensdienste und Angebote für bislang schlecht versorgte Regionen bereitstellen. Diese Leistungen sollen allerdings zu Marktbedingungen verkauft werden. Die EU wird deshalb voraussichtlich keinen einheitlichen IRIS²-Privatkundentarif anbieten, sondern überlässt die konkrete Vermarktung den beteiligten Unternehmen.
Verantwortlich für Entwicklung und Betrieb ist das SpaceRISE-Konsortium aus SES, Eutelsat und Hispasat. Zum industriellen Umfeld gehören unter anderem Airbus Defence and Space, Thales Alenia Space, OHB, Aerospacelab, Telespazio, Deutsche Telekom und Orange. Die Europäische Union tritt als langfristiger Hauptkunde auf, die Europäische Weltraumorganisation ESA überwacht technische Entwicklung und Qualifizierung, während die EU-Agentur EUSPA später unter anderem die Sicherheitszulassung und die Bereitstellung der staatlichen Dienste organisiert.
348 Satelliten arbeiten auf unterschiedlichen Ebenen
Die Satelliten von IRIS² sollen nicht alle auf derselben Höhe um die Erde kreisen. Der überwiegende Teil wird in niedrigen Erdumlaufbahnen unterwegs sein. Weil die Funksignale dort einen kürzeren Weg zurücklegen, lassen sich Verbindungen mit vergleichsweise geringer Verzögerung aufbauen. Die Satelliten bewegen sich aus Sicht eines Terminals am Boden jedoch schnell über den Himmel, weshalb eine laufende Verbindung regelmäßig von einem Satelliten an den nächsten weitergereicht werden muss.
Satelliten in mittleren Erdumlaufbahnen decken jeweils eine größere Fläche ab und bleiben länger über einer Region sichtbar. Ihre Signale benötigen wegen der größeren Entfernung etwas mehr Zeit. Dafür kann eine kleinere Zahl von Satelliten großräumige Verbindungen stabilisieren und die niedrigeren Umlaufbahnen ergänzen.
IRIS² verbindet beide Ebenen zu einer Multi-Orbit-Architektur. Nach Darstellung der Europäischen Weltraumorganisationsoll diese Kombination eine dauerhafte und schnelle Verbindung ermöglichen, ohne dafür dieselbe Anzahl niedriger Satelliten zu benötigen wie eine reine Megakonstellation.
Entscheidend ist trotzdem nicht allein die Zahl der Einheiten im All. Ein Satellitennetz benötigt Bodenstationen, Kontrollzentren, Antennen, Funkfrequenzen, sichere Schlüsselverwaltung und Übergänge in Glasfaser-, Cloud- und Mobilfunknetze. Hinzu kommen geeignete Terminals bei Behörden, Unternehmen und möglicherweise später bei Privatkunden. Jeder dieser Bestandteile kann die verfügbare Geschwindigkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit beeinflussen.
Gerade die Nutzerterminals bleiben eine wichtige praktische Herausforderung. Sie müssen Satelliten verfolgen, Verbindungswechsel bewältigen und auch bei ungünstigen Bedingungen ein ausreichend starkes Signal aufbauen. Für den Massenmarkt müssen sie außerdem bezahlbar, kompakt und sparsam genug sein. Eine technisch leistungsfähige Konstellation hilft Verbrauchern wenig, wenn die dafür notwendige Antenne zu teuer oder für den mobilen Einsatz ungeeignet ist.
5G soll Satelliten und Mobilfunk zusammenführen
IRIS² soll mit 5G-Technik und sogenannten Non-Terrestrial Networks zusammenarbeiten. Dabei werden Satelliten nicht mehr als vollständig getrennte Kommunikationswelt betrachtet, sondern als zusätzliche Ebene bestehender Mobilfunk- und Datennetze. Ein geeignetes Gerät könnte dann abhängig von Empfang, Vertrag und Netzbetreiber zwischen einer terrestrischen Funkzelle und einer Satellitenverbindung wechseln.
Dass IRIS² solche technischen Standards unterstützen soll, bedeutet jedoch nicht, dass jedes heute verkaufte Smartphone später automatisch eine direkte Verbindung zu den europäischen Satelliten erhält. Dafür müssen Satellitenbetreiber und Mobilfunkunternehmen zusammenarbeiten, geeignete Frequenzen bereitstehen und die Geräte kompatible Modems und Antennen besitzen. Auch Betriebssysteme und Apps müssen mit den besonderen Eigenschaften der Verbindung umgehen können.
Die Europäische Kommission hat dazu im Mai 2026 ein separates Frequenzvorhaben vorgeschlagen. Das harmonisierte 2-Gigahertz-Band soll nach dem Auslaufen der bisherigen Genehmigungen teilweise für direkte Satellitenverbindungen zu Mobilgeräten genutzt werden. Zwei Drittel der verfügbaren Frequenzen wären nach dem Vorschlag für kommerzielle Dienste vorgesehen, darunter Smartphone-Verbindungen, vernetzte Sensoren, Fitness-Tracker und Notfallgeräte. Ein Drittel soll staatlicher Kommunikation dienen und mit den heutigen sowie künftigen Kapazitäten von IRIS² verbunden werden (Europäische Kommission zu Direct-to-Device-Diensten).
Auch daraus entsteht noch kein Versprechen auf gewöhnliches Satelliten-Breitband für jedes Telefon. Der Vorschlag muss das europäische Gesetzgebungsverfahren durchlaufen, Frequenzen müssen vergeben und passende Dienste aufgebaut werden. Wahrscheinlicher sind zunächst schmalere Anwendungen wie Textnachrichten, Notfallkommunikation, Positionsdaten oder kleine Datenpakete. Umfangreiches Streaming über ein gewöhnliches Smartphone stellt deutlich höhere Anforderungen an Signalstärke und Netzkapazität.
Sichere Schlüssel machen noch kein unangreifbares Netz
Ein weiterer Bestandteil von IRIS² ist die europäische Quantenkommunikationsinfrastruktur EuroQCI. Sie soll Verfahren zur sogenannten Quantenschlüsselverteilung in besonders geschützte Kommunikationsstrecken integrieren. Dabei werden nicht die eigentlichen Nachrichten über einen geheimnisvollen Quantenkanal übertragen. Die Technik dient zunächst dazu, kryptografische Schlüssel so auszutauschen, dass Manipulations- oder Abhörversuche erkennbar werden können.
Daraus entsteht kein unangreifbares Gesamtnetz. Auch wenn der Austausch eines Schlüssels besonders geschützt ist, bleiben Bodenstationen, Endgeräte, Zugangsrechte, Verwaltungssoftware und gewöhnliche Netzverbindungen mögliche Angriffspunkte. Ein gestohlenes Behördenkonto oder ein schlecht geschütztes Terminal wird nicht automatisch sicher, nur weil ein anderer Teil der Übertragungsstrecke Quantentechnik verwendet.
IRIS² soll deshalb nach einem umfassenderen „Secure by Design“-Ansatz aufgebaut werden. Sicherheitsanforderungen müssen bereits bei Satelliten, Kontrollsystemen, Software und Bodeninfrastruktur berücksichtigt werden. Wie wirksam dieses Konzept tatsächlich ist, lässt sich jedoch erst beurteilen, wenn konkrete Systeme geprüft und im praktischen Betrieb angegriffen, aktualisiert und weiterentwickelt werden.
In Köln entsteht ein wichtiger europäischer Zugangspunkt
Für Deutschland wird die europäische Satellitenstrategie nicht erst mit dem ersten Start im Jahr 2029 sichtbar. Am 16. Juni 2026 begann beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln der Bau eines von zwei zentralen europäischen GOVSATCOM-Hubs. Nordrhein-Westfalen unterstützt das Vorhaben nach Angaben des DLR mit bis zu 50 Millionen Euro.
Der Hub soll autorisierte staatliche Nutzer mit verfügbaren Satellitenkapazitäten verbinden. Wenn bei einem Hochwasser, einem großflächigen Stromausfall, einer Cyberattacke oder einer Überlastung des Mobilfunks gewöhnliche Kommunikationswege ausfallen, können berechtigte Stellen darüber auf geeignete Satellitendienste zugreifen. Später sollen auch Leistungen der IRIS²-Konstellation über die Kölner Infrastruktur bereitgestellt werden (DLR zum GOVSATCOM-Hub).
Das macht den Standort nicht zum alleinigen Kontrollzentrum der gesamten Konstellation und auch nicht zur Verteilstation für private Internetanschlüsse. Seine Aufgabe liegt in der geschützten Vermittlung staatlicher Dienste. Er verbindet Nutzer, Sicherheitsvorgaben und unterschiedliche vorhandene Satellitenkapazitäten miteinander.
Ein erster Teil dieser Struktur arbeitet bereits. GOVSATCOM ist seit Januar 2026 in Betrieb und bündelt vorhandene Kapazitäten von Mitgliedstaaten und vertrauenswürdigen kommerziellen Anbietern. Von 2026 bis 2028 soll das System ausgebaut werden, 2027 sollen weitere kommerzielle Kapazitäten in den Dienstekatalog aufgenommen werden. IRIS² ersetzt dieses Netz später nicht vollständig, sondern ergänzt es um neue, eigens für die Europäische Union entwickelte Infrastruktur (EU-Weltraumprogramm zu GOVSATCOM).
Was Nutzer von IRIS² tatsächlich bemerken könnten
Die unmittelbarste Wirkung wird für viele Menschen wahrscheinlich nicht in einem neuen Router oder einer zusätzlichen Internetrechnung sichtbar. Sie liegt zunächst darin, dass Rettungsdienste, Behörden und Betreiber wichtiger Netze auch dann miteinander kommunizieren können, wenn örtliche Leitungen oder Mobilfunkstationen beschädigt, ausgefallen oder überlastet sind.
Das klingt nach einer unsichtbaren Leistung, kann im Alltag aber entscheidend werden. Digitale Warnungen, Lagebilder, Einsatzplanung, Energieversorgung und medizinische Koordination funktionieren nur so zuverlässig wie die Kommunikationswege dahinter. Ein satellitengestützter Ersatzweg kann eine Region nicht vor einer Naturkatastrophe oder einem Cyberangriff schützen, aber er kann verhindern, dass Einsatzkräfte gleichzeitig einen wichtigen Teil ihrer Koordinationsfähigkeit verlieren.
Für Unternehmen kann IRIS² eine zusätzliche Verbindungsebene für Schiffe, Flugzeuge, Energieanlagen, Verkehrsnetze und abgelegene Standorte schaffen. Eine Satellitenstrecke kann dabei als Hauptanschluss dienen oder als Reserve einspringen, wenn eine terrestrische Leitung ausfällt. Auch die Fernüberwachung technischer Anlagen und bestimmte Cloudanwendungen lassen sich darüber absichern, sofern Bandbreite, Verzögerung und Kosten zur jeweiligen Aufgabe passen.
Privathaushalten stellt die EU bessere Verbindungen in ländlichen, abgelegenen oder anderweitig schlecht erschlossenen Gebieten in Aussicht. Die zugrunde liegende Verordnung erklärt zugleich ausdrücklich, dass Satellitendienste die Leistungsfähigkeit terrestrischer Netze derzeit nicht vollständig ersetzen können. Glasfaser und gut ausgebauter Mobilfunk bleiben in dicht besiedelten Gebieten effizienter. Satelliten können dagegen Lücken schließen, Inseln und entlegene Regionen anbinden oder eine zusätzliche Verbindung bereitstellen, wenn der gewöhnliche Zugang ausfällt.
Wie ein solcher Privatkundendienst heißen, welcher Betreiber ihn in Deutschland verkaufen und was ein Anschluss kosten wird, ist im August 2026 noch nicht festgelegt. Es gibt weder einen verbindlichen Endkundentarif noch ein allgemein angekündigtes IRIS²-Terminal. Auch konkrete Geschwindigkeitsversprechen für deutsche Haushalte wären deshalb verfrüht.
Die Finanzierung wächst mit den Anforderungen
Der 2024 geschlossene Konzessionsvertrag hatte über seine zwölfjährige Laufzeit ein Volumen von 10,6 Milliarden Euro. Davon sollten sechs Milliarden Euro aus EU-Mitteln, 550 Millionen Euro von der ESA und mehr als vier Milliarden Euro aus dem privaten Sektor kommen.
Die Erweiterung von August 2026 verlangt zusätzliche Investitionen. Die Kommission nennt dafür Mittel aus dem EU-Haushalt für die Jahre 2028 bis 2034 sowie Beiträge von Mitgliedstaaten und weiteren beteiligten Ländern. Polen hat 656 Millionen Euro, Ungarn 500 Millionen Euro und Spanien zwischen 1,6 und zwei Milliarden Euro für zusätzliche nationale Anforderungen zugesagt beziehungsweise angekündigt. Eine neue konsolidierte Gesamtsumme für das erweiterte Programm wurde in der öffentlichen Mitteilung jedoch nicht ausgewiesen.
Damit bleibt die Frage, wie viel zusätzliche Leistung sich tatsächlich zu welchen Gesamtkosten aufbauen lässt. Das öffentlich-private Modell verteilt Finanzierung und technisches Wissen auf mehrere Partner, verbindet aber auch staatliche Sicherheitsziele mit den wirtschaftlichen Erwartungen privater Betreiber. Kommerzielle Dienste müssen ausreichend attraktiv werden, während Behörden gleichzeitig garantierte, priorisierte und besonders geschützte Kapazitäten verlangen.
Auch die Beschaffung bleibt anspruchsvoll. Hersteller müssen viele Satelliten innerhalb eines begrenzten Zeitraums produzieren, Startkapazitäten müssen reserviert und sichere Bodenstationen errichtet werden. Hinzu kommen Zulassungen, Funkfrequenzen, technische Abnahmetests und die Entwicklung bezahlbarer Terminals. Jeder dieser Punkte kann den Zeitplan und die Kosten beeinflussen.
2029 beginnt der Aufbau – nicht der vollständige Betrieb
Die Jahreszahl 2029 wird leicht als fertiger Starttermin des gesamten Netzes verstanden. Tatsächlich sollen dann die ersten Satelliten starten und operative Leistungen schrittweise beginnen. Die ausführliche Planung der ESA spricht von ersten IRIS²-Diensten um 2030 und voller Leistungsfähigkeit bis 2032 (ESA zum aktuellen Programmstand).
Bis dahin muss die endgültige Konstruktion abgeschlossen, die Serienfertigung organisiert, die Bodeninfrastruktur aufgebaut und die Verbindung zwischen unterschiedlichen Umlaufbahnen getestet werden. Auch die kommerziellen Betreiber benötigen Zeit, um konkrete Produkte, Verträge und Nutzertechnik zu entwickeln.
Die im August geschlossene Vereinbarung reduziert damit eine wichtige Unsicherheit, beseitigt aber nicht das technische und wirtschaftliche Risiko. IRIS² muss sich noch gegen Verzögerungen, steigende Kosten und einen Satellitenmarkt behaupten, in dem andere Anbieter bereits große Netze betreiben oder aufbauen.
Europas Satellitennetz muss seinen Nutzen erst beweisen
IRIS² wird seinen Wert nicht daran beweisen, ob es Starlink bei der Zahl der Satelliten überholt oder möglichst schnell einen weiteren privaten Internetanschluss verkauft. Der europäische Ansatz beginnt an einer anderen Stelle: Behörden, Rettungsdienste und kritische Infrastruktur sollen auf eine Kommunikationsschicht zugreifen können, deren staatlicher Teil unter europäischer Kontrolle steht und auch dann verfügbar bleibt, wenn gewöhnliche Netze versagen.
Für Verbraucher kann daraus später ein zusätzliches Satellitenangebot entstehen, besonders in schlecht versorgten Regionen und als Ergänzung zu Mobilfunk und Festnetz. Ein konkretes Massenprodukt ist das bislang jedoch nicht. Preise, Betreiber, Endgeräte und die tatsächliche Leistungsfähigkeit im Alltag werden sich erst während des technischen Aufbaus und mit den kommerziellen Angeboten zeigen.
Das IRIS²-Satellitennetz ist deshalb weder ein fertiger Schutzschirm noch lediglich ein prestigeträchtiges Raumfahrtprojekt. Es ist Europas Versuch, politische Handlungsfähigkeit in eigene Kommunikationsinfrastruktur zu übersetzen. Ob dieser Versuch gelingt, entscheidet sich nicht an der Ankündigung von 348 Satelliten, sondern daran, ob daraus pünktlich ein bezahlbares, sicheres und dauerhaft betreibbares Netz entsteht. Weitere Hintergründe zu solchen Verbindungen zwischen globalen Entscheidungen und unserem digitalen Alltag findest du in der GadgetChecks-Kategorie Technologie.
Hauptquellen
- EU-Agentur für das Weltraumprogramm: Erweiterung und Umsetzung von IRIS²
- Europäische Weltraumorganisation: Aktueller Aufbau und Zeitplan
- Verordnung (EU) 2023/588 über das Programm für sichere Konnektivität
- EU-Weltraumprogramm: Aufgaben und aktueller Stand von GOVSATCOM
- DLR: Aufbau des europäischen GOVSATCOM-Hubs in Köln
- Europäische Kommission: Direkte Satellitenverbindungen zu Mobilgeräten
- ESA: Finanzierung und Architektur des Konzessionsvertrags
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