ARCHÄOLOGIE
Google Reader – als das Web einen Posteingang hatte
Google Reader sammelte neue Beiträge aus Blogs und Nachrichtenseiten an einem Ort. Aus einer selbst gewählten Liste von Quellen entstand eine tägliche Lektüre, die sich ordnen, teilen und mitnehmen ließ. Seine Geschichte erzählt davon, wie bequem das offene Web werden konnte – und wie abhängig dieser Komfort von einem einzigen Anbieter war.
Neben dem Namen eines Blogs stand eine Zahl. Sie verriet, wie viele Beiträge seit dem letzten Lesen hinzugekommen waren. Ein Klick öffnete die Texte, ein weiterer markierte sie als gelesen. Wer später zurückkehrte, musste nicht erneut die Startseite durchsuchen und überlegen, welche Überschrift schon bekannt vorkam. Google Reader hatte sich den Stand gemerkt.
Darin lag eine unscheinbare Erleichterung. Eine interessante Webseite zu finden, war nur der Anfang; ihr über Monate zu folgen, verlangte Aufmerksamkeit. Manche Blogs veröffentlichten mehrmals täglich, andere nach wochenlanger Pause. Wer sie alle einzeln besuchte, traf entweder auf Bekanntes oder verpasste Neues. Ein gemeinsamer Posteingang machte aus diesen unterschiedlichen Rhythmen etwas Überschaubares: die Beiträge, die seit dem letzten Besuch eingetroffen waren.
Google Reader entstand zwischen Suchmaschine und Lesezeichen
Als Google den Dienst am 7. Oktober 2005 in seinem Experimentierbereich Google Labs vorstellte, benannte Entwickler Chris Wetherell genau dieses Problem: Die Menge neuer Webinhalte war schwer zu überblicken. Reader sollte helfen, interessante Veröffentlichungen zusammenzuführen. Jason Shellen hatte das Projekt auf der Web-2.0-Konferenz angekündigt; die offizielle Vorstellung „Feed the world“ beschrieb ausdrücklich einen frühen Versuch, der sich mit Rückmeldungen seiner Nutzer weiterentwickeln sollte.
Die Idee des Feedreaders war damals bereits vorhanden. Google erfand weder das Abonnieren von Webseiten noch die dafür benötigten Formate. Sein Beitrag bestand darin, diese Arbeitsweise als eigenen Webdienst anzubieten und weiter auszubauen. Zwischen der Suchmaschine, die Antworten auf eine aktuelle Frage lieferte, und dem Lesezeichen, das lediglich eine Adresse aufbewahrte, entstand ein Werkzeug für anhaltendes Interesse.
Ein Lesezeichen wusste schließlich nicht, ob auf einer Seite etwas passiert war. Ein Abonnement konnte genau diese Lücke schließen. Wer sich für Fotografie, Kommunalpolitik oder eine Programmiersprache interessierte, stellte sich nach und nach eine Sammlung zusammen, deren Wert aus der Auswahl der Quellen entstand. Sie musste nicht für andere Menschen attraktiv sein. Es genügte, dass sie für den eigenen Alltag passte.
RSS machte Webseiten abonnierbar
Die technische Grundlage war ein Feed: eine maschinenlesbare Datei, in der eine Website ihre Beiträge bereitstellte. Verbreitet waren RSS und Atom. Darin konnten Überschriften, Verweise auf die Originalartikel, Veröffentlichungsangaben und Texte stehen. Ein Leseprogramm rief diese Daten ab und stellte sie in einer einheitlichen Ansicht dar. Die RSS-Spezifikation beschreibt dabei sowohl Einträge mit einer Zusammenfassung als auch solche mit vollständigem Inhalt.
Deshalb zeigte Reader nicht bei jeder Quelle dasselbe. Manche Veröffentlichungen ließen sich vollständig im Dienst lesen, andere lieferten nur einen Anriss, der zum Besuch der ursprünglichen Seite führte. Darüber entschied zunächst der Betreiber des jeweiligen Feeds. Das Abonnement verschaffte auch keinen automatischen Zugang zu beliebigen geschützten Inhalten.
Für Leser war die gemeinsame Form trotzdem praktisch. Ein kleines Fachblog konnte neben einer großen Nachrichtenseite auftauchen, ohne dass beide dieselbe Veröffentlichungsplattform benutzen mussten. Ihre Beiträge fanden über ein gemeinsames technisches Format zusammen. Anders als bei einem E-Mail-Newsletter musste der Leser dafür keine eigene E-Mail-Adresse beim Herausgeber hinterlassen. Abonniert wurde die Adresse des Feeds; um den Abruf kümmerte sich das Leseprogramm beziehungsweise dessen Dienst.
Eine neue Oberfläche gab der Sammlung Ordnung
Die vertraute Gestalt von Google Reader entstand nicht vollständig zum Start. Am 28. September 2006 stellte das Team einen größeren Umbau vor. Dazu gehörten Ordner für Abonnements, Zähler für ungelesene Beiträge, eine ausführliche Artikelansicht und die Möglichkeit, alles als gelesen zu markieren. Google dokumentierte diese Neuerungen im Beitrag „Something looks… different.“.
Die Oberfläche gab der Sammlung damit eine Ordnung, die sich an die eigenen Interessen anpassen ließ. Häufig gelesene Quellen konnten zusammenliegen, selten benötigte Veröffentlichungen in einem anderen Ordner warten. Für einen schnellen Überblick reichten Überschriften; für die eigentliche Lektüre ließ sich ein Beitrag aufklappen. Der Wechsel zwischen Übersicht und Text verlangte keinen vollständigen Wechsel der Arbeitsumgebung.
Allerdings erzeugte der Zähler auch einen neuen Blick auf das Lesen. Ein ungelesener Beitrag konnte wie eine offene Aufgabe wirken, obwohl niemand verlangt hatte, jeden Text zu beachten. Mit jedem weiteren Abonnement wuchs die Menge dessen, was theoretisch interessant war. Die Schaltfläche zum Markieren aller Beiträge als gelesen hatte deshalb eine bemerkenswerte Nebenfunktion: Sie erlaubte, die Sammlung weiterzuführen, ohne zunächst ihren gesamten Rückstand abzuarbeiten.
Die Lektüre löste sich vom einzelnen Rechner
Reader lief im Browser und machte die persönliche Sammlung über das Google-Konto zugänglich. Das passte zu einer Zeit, in der immer mehr Aufgaben von lokal installierten Programmen in Webanwendungen wanderten. Die Adresse im Browser wurde zum Einstieg in eine Arbeitsumgebung, deren Daten beim Anbieter lagen.
Wie ungewöhnlich die Verbindung von Webdienst und lokaler Nutzung noch war, zeigt eine Erweiterung aus dem Mai 2007. Google stellte damals Gears vor, eine Browsererweiterung für Webanwendungen mit Offlinefunktionen. Reader diente als frühes Anwendungsbeispiel: Bereits bereitgestellte Inhalte konnten auch ohne laufende Internetverbindung gelesen werden. Die damalige Google-Mitteilung zu Gears stellte langsame oder unzuverlässige Verbindungen ausdrücklich als Problem dar, das solche Funktionen entschärfen sollten.
Später rückte das Smartphone stärker in diese Lesegewohnheit. Am 1. Dezember 2010 erschien die offizielle Android-App mit Abonnements, Suche, Markierungen und Teilen-Funktionen. Sie bot sogar eine Einstellung, mit der sich über die Lautstärketasten zwischen Beiträgen wechseln ließ. Dieses kleine Detail aus der Ankündigung der Android-App zeigt, wie sehr Reader auf das fortlaufende Durchsehen vieler Texte zugeschnitten war. Auch unterwegs blieb die eigene Quellensammlung der Ausgangspunkt.
Aus geteilten Artikeln wurden Bekanntschaften
Zum Lesen kam das Weitergeben. Reader-Nutzer konnten interessante Beiträge teilen und dadurch eine Auswahl veröffentlichen, der andere wiederum folgten. Das Material stammte weiterhin aus unterschiedlichen Webseiten; der zusätzliche Wert lag in der Entscheidung eines Menschen, gerade diesen Text hervorzuheben.
2009 baute Google diese soziale Seite weiter aus. Nutzer konnten Menschen mit öffentlich geteilten Beiträgen suchen und ihnen folgen. Wer seine Auswahl nur bestimmten Personen zeigen wollte, konnte dafür Gruppen verwenden. Außerdem kamen Likes hinzu. Die Ankündigung vom Juli 2009 unterschied allerdings zwischen öffentlich sichtbaren geteilten Inhalten und den damals enger begrenzten Möglichkeiten zum Kommentieren.
So konnte aus einer nützlichen Quelle eine Beziehung entstehen. Jemand fiel durch eine gute Artikelauswahl auf; über Kommentare wurden weitere Personen sichtbar. Google hatte bereits im Mai beschrieben, wie sich Bekannte von Bekannten über solche Gespräche finden ließen.
Diese Form des Austauschs brauchte keinen eigenen Statusbeitrag als Ausgangspunkt. Ein Essay, eine Anleitung oder eine Nachricht genügte. Man lernte andere Menschen darüber kennen, was sie lasen und weitergaben. Die gesammelten Texte bildeten den Anlass für Gespräche, und aus einem Werkzeug zum Sortieren von Informationen wurde zugleich ein Ort, an dem sich gemeinsame Interessen erkennen ließen.
Auch dieser Reader kannte Algorithmen
Ein Rückblick auf Google Reader gerät leicht zur Erzählung von einem Web, in dem ausschließlich Menschen auswählten und Maschinen nur auslieferten. Die tatsächliche Entwicklung war komplizierter. Im Oktober 2009 führte Google eine personalisierte Sortierung namens „Sort by magic“ ein. Sie ordnete Beiträge anhand der persönlichen Nutzung und weiterer Aktivitäten in Reader. Daneben sollte ein Entdecken-Bereich populäre Inhalte und passende neue Quellen vorschlagen.
Google erklärte damals, dass unter anderem Likes und geteilte Beiträge in die Personalisierung einflossen. Die Ankündigung zur personalisierten Reihenfolge stellte diese ausdrücklich als wählbare Alternative zur üblichen chronologischen Sortierung vor.
Der besondere Reiz des Dienstes lässt sich deshalb genauer fassen: Reader bot eine selbst zusammengestellte Quellensammlung, deren Beiträge man nach Zeit ordnen konnte, ergänzte sie aber um Empfehlungen und andere Sortierungen. Menschliche Auswahl und automatische Gewichtung existierten nebeneinander. Wer seine Abonnements pflegte, bestimmte einen wesentlichen Teil der Auswahl weiterhin selbst – auch wenn das Programm zusätzliche Vorschläge machte.
Google+ veränderte den Ort des Gesprächs
Am 31. Oktober 2011 bekam Reader ein neues Design und eine engere Verbindung zu Google+. Gleichzeitig begann Google, die eigenen Freundschafts-, Folgen-, Teilen- und Kommentarfunktionen des Readers abzuschalten. Entsprechende Aufgaben sollten künftig Funktionen des sozialen Netzwerks übernehmen. Aus dem bisherigen Like wurde eine +1-Möglichkeit; Inhalte ließen sich anschließend mit Google+-Kreisen teilen.
Die offizielle Mitteilung zum Umbau räumte ein, dass diese Entscheidung nicht allen gefallen würde, und verwies auch auf den Export der Abonnements. Google begründete die Zusammenführung damit, seine Arbeit auf weniger Bereiche konzentrieren zu wollen.
Für eine im Reader entstandene Gesprächsrunde war das eine erhebliche Veränderung. Ein sozialer Ort besteht schließlich auch aus seinen Wegen: Wo erscheint ein geteilter Text, wer sieht ihn, wie antwortet man darauf? Selbst ähnliche Schaltflächen an anderer Stelle stellen diese Vertrautheit nicht automatisch wieder her. Die technische Möglichkeit zum Teilen blieb bestehen, doch die Verbindung zwischen Lektüre und Gespräch bekam einen anderen Rahmen.
2013 fiel die Entscheidung gegen den Dienst
Am 13. März 2013 kündigte Google an, Reader zum 1. Juli einzustellen. Im Beitrag „Powering Down Google Reader“nannte das Unternehmen zwei Gründe: Die Nutzung sei zurückgegangen, und Google wolle seine Kräfte auf weniger Produkte konzentrieren. Zugleich bestätigte das Team, dass der Dienst eine treue Anhängerschaft hatte, und verwies auf Google Takeout für den Datenexport.
Eine konkrete Reihe aktiver Nutzerzahlen veröffentlichte Google in dieser Erklärung nicht. Damit bleibt offen, wie stark die Nutzung zurückging und welche Größenordnung intern für die Entscheidung ausschlaggebend war. Der frühere Google+-Umbau liefert Kontext für die Produktstrategie, beweist aber für sich genommen keinen einzelnen Grund für das spätere Ende.
Die Abschaltung erreichte damit ein funktionierendes Alltagswerkzeug. Für seine Nutzer entstand eine ganz praktische Aufgabe: eine neue Anwendung finden, die Quellen übertragen und prüfen, welche gespeicherten Informationen mitkommen konnten. Wie viel Arbeit darin steckte, hing davon ab, ob Reader nur einige Lieblingsseiten verwaltete oder über Jahre zu einer umfangreichen persönlichen Sammlung geworden war.
Eine Abonnementliste war noch kein vollständiges Archiv
Beim Wechsel half ein wichtiges Merkmal des Feed-Ökosystems: Listen abonnierter Quellen ließen sich zwischen kompatiblen Programmen übertragen. Dafür wird häufig OPML verwendet. Eine solche Datei enthält im Kern die Struktur der Liste und die Adressen der Feeds. Sie ist damit eher ein Verzeichnis der Bezugsquellen als ein Archiv aller gelesenen Artikel. Diese Unterscheidung ergibt sich schon aus dem Aufbau des OPML-Formats.
Wie viel darüber hinaus verloren gehen konnte, beschrieb der frühere Reader-Entwickler Mihai Parparita wenige Tage vor der Abschaltung. Google Takeout sichere nicht sämtliche Informationen, die sich während der Nutzung angesammelt hatten. Er veröffentlichte deshalb ein zusätzliches Werkzeug, das über die Reader-Schnittstelle weitere Inhalte und persönliche Zuordnungen abrufen sollte. Dazu gehörten etwa gelesene und markierte Einträge sowie Kommentare. Sein zeitgenössischer Bericht über den Datenexport macht deutlich, dass eine Quellensammlung und die Geschichte ihres Gebrauchs zwei verschiedene Dinge sind.
Nach der Abschaltung ging Parparita noch einen Schritt weiter. Er verwendete gesicherte Bestandteile der Reader-Oberfläche, um seine zuvor exportierten Daten wieder durchsehen zu können. Das daraus entstandene Archivwerkzeug „zombie_reader“ war eine Möglichkeit, erhaltenes Material in vertrauter Umgebung zu betrachten. Der Google-Dienst selbst kam dadurch nicht zurück.
Google bestätigte die Abschaltung in einem Abschiedsbeitrag vom 2. Juli 2013. Darin kündigte das Unternehmen zugleich die endgültige Löschung der zugehörigen Nutzerdaten an: Nach dem 15. Juli sollten sie sich bei Google nicht mehr wiederherstellen lassen. Der Abschied des Reader-Teams setzte damit auch der Hoffnung eine Grenze, die eigene Sammlung irgendwann später noch abholen zu können.
Die Quellen konnten weiterliefern
Mit Reader verschwanden nicht automatisch die Blogs und Nachrichtenseiten, deren Beiträge er eingesammelt hatte. Ihre Feeds konnten weiter existieren und von anderen Programmen abgerufen werden. Der Wechsel eines Leseprogramms war deshalb grundsätzlich möglich, auch wenn persönliche Markierungen, gespeicherte Verläufe und soziale Verbindungen zusätzliche Probleme bereiteten.
Das Prinzip lebt bis heute in RSS-Anwendungen weiter. NetNewsWire dokumentiert beispielsweise direkte Feedabrufe, die Synchronisierung über unterschiedliche Dienste sowie den Import und Export von OPML-Listen. Die aktuelle Funktionsübersicht des Projekts zeigt, dass die Trennung zwischen Quelle, Leseprogramm und Synchronisierungsdienst weiterhin praktisch genutzt wird. Google Reader war eine besonders prägende Ausgestaltung dieser Idee, aber die technischen Grundlagen gehörten nicht allein Google.
Während Menschen bei GeoCities ihre eigene Seite im Web gestalteten, gestalteten sie mit Reader ihren persönlichen Zugang zu den Veröffentlichungen anderer. Beides gehört zur Netzarchäologie, weil sich daran unterschiedliche Formen digitaler Selbstbestimmung erkennen lassen: der eigene Ort zum Veröffentlichen und die eigene Auswahl beim Lesen.
Die Geschichte des Readers stellt dabei eine Frage, die über sein Ende hinausreicht. Wer über Jahre Quellen auswählt, Texte markiert und Zusammenhänge sammelt, schafft etwas Eigenes, auch wenn kein einziger Artikel von ihm stammt. Ein guter Export bewahrt deshalb mehr als eine Liste von Adressen. Er hilft, die Arbeit zu erhalten, mit der ein Mensch aus dem großen Angebot des Webs seine eigene Lektüre gemacht hat.
Die wichtigsten Stationen
- 7. Oktober 2005: Google Reader startet als Experiment in Google Labs.
- 28. September 2006: Ein größerer Umbau bringt unter anderem Ordner, Ungelesen-Zähler und „Alles als gelesen markieren“.
- Mai 2007: Google demonstriert mit Reader das Offline-Lesen über Gears.
- 2009: Soziale Funktionen werden erweitert; im Oktober folgt die optionale personalisierte Sortierung.
- 1. Dezember 2010: Google stellt die offizielle Android-App vor.
- 31. Oktober 2011: Die Verlagerung sozialer Funktionen zu Google+ beginnt.
- 13. März 2013: Google kündigt die Einstellung zum 1. Juli an.
- Anfang Juli 2013: Reader wird abgeschaltet; der Abschiedsbeitrag erscheint am 2. Juli.
- Nach dem 15. Juli 2013: Laut Google können die gelöschten Reader-Nutzerdaten nicht mehr wiederhergestellt werden.
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